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Die Corona-Krise verändert die Lebens- und Arbeitswelt junger Auszubildender erheblich. Für Ausbilder:innen und Unternehmen ist es wichtig, zu verstehen, was die Generation Z jetzt bewegt und welche Tipps helfen, um Azubis in Zeiten von Corona erfolgreich zu führen? Den Anlass für diesen Beitrag gaben die Fragen einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Online-Ausbilderforums der IHK Niederbayern im Januar 2021. Als statistische Grundlage für die Diskussion dienten die Ergebnisse der Bayerischen Ausbildungsstudie 2021.


Ergebnisse der Ausbildungsstudie 2021 Bayern

Ausbildungsstudie 2021 Bayern

Die Bayerische Ausbildungsstudie 2021 ist eine Kooperation der Bayerischen Industrie- und Handelskammern und der Studie “Junge Deutsche 2021”. An der Studie haben sich insgesamt 876 Auszubildende und 112 dual Studierende in Bayern beteiligt. Der Erhebungszeitraum erstreckt sich vom 1. Oktober 2020 bis 31. Januar 2021. Die vollständigen Ergebnisse der Bayerischen Ausbildungsstudie werden mit der Studie “Junge Deutsche 2021” veröffentlicht und stehen im Online-Shop zum Download zur Verfügung.

Lebenswelt

Die Lebenswelt von Auszubildenden und dual Studierenden prägt am meisten die Smartphone-Nutzung (73%), Zusammenhalt in der Familie (72%) und die Corona-Krise (70%). Eine Besonderheit im gesamtdeutschen Vergleich ist, dass bayerischen Azubis die Heimatverbundenheit besonders wichtig ist. 
» Der Alltag vieler Auszubildender ist derzeit digital überfrachtet. Um dem entgegenzuwirken, gilt es, so gut es geht und erlaubt ist, analoge Angebote für Teamerlebnisse, Weiterbildung und Führung zu bereitzustellen.

Werte

Die wichtigsten Werte von Auszubildenden der Generation Z sind: Vertrauen, Gesundheit, Freiheit, Freundschaft und Familie. Durch die Corona-Pandemie wurde das Vertrauen junger Menschen in Politik und die berufliche Zukunft erheblich erschüttert.
» Um als Arbeitgeber das Vertrauen zu den Mitarbeitenden wieder aufzubauen, müssen sie ganz bewusst Raum für die zwischenmenschlichen Beziehungen in Teams schaffen und eine Sicherheit bietende Perspektive entwickeln. 

Leistung und Motivation

Was Azubis und dual Studierende vor allem für Leistung motiviert sind Spaß, Ziele erreichen und Geld. Spaß ist seit Jahren der größte Motivator für jüngere und ältere Mitarbeitende, doch Geld hat gegenüber den Vorjahren an Motivationskraft dazugewonnen. 

» Wenn junge Menschen Spaß sagen, meinen sie hauptsächlich eine gute Arbeitsatmosphäre. In Zeiten von Corona ist vieles, was Spaß ausmacht verboten. In dieser Situation ist besonders wichtig, die Auszubildenden zu beteiligen und gemeinsam auszuloten, wo es Potenzial gibt, dass Arbeit (wieder) mehr Spaß macht. 

Gute Arbeit

Die wichtigsten Voraussetzungen für Gute Arbeit bestehen aus Sicht von Azubis in Bayern aus einer guten Arbeitsatmosphäre (83%), guten Vorgesetzten und einer guten Balance von Arbeit und Freizeit (jeweils 67%). Die Bedeutung der Sicherheit des Arbeitsplatzes ist seit diesem Jahr erheblich höher. 

Auswirkungen der Corona-Pandemie

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Azubis und dual Studierenden sind erheblich: für 46% hat sich die Balance von Arbeit und Freizeit verschlechtert, für 44% die schulisch-berufliche Situation und für 35% die beruflichen Perspektiven. 

Was jungen Auszubildenden Halt in Zeiten der Corona-Pandemie bietet, sind primär ihre Familie, Freund:innen oder ein:e Partner:in. Doch auch die Ausbildung spielt eine wichtige Rolle, weil sie den Auszubildenden Struktur bietet und sie ihre Ausbilder:innen und Kolleg:innen für ihre Unterstützung und das Miteinander schätzen.


Fragen von Ausbilder:innen zum Thema Motivation der Generation Z

Motivation - Ausbildungsstudie 2021-Bayern
Motivation in Zeiten von Corona © Tumisu auf Pixabay
  1. Was ist der Unterschied zwischen Leidenschaft für den Beruf und Spaß bei der Arbeit?
    Spaß bei der Arbeit bezieht sich überwiegend auf die Arbeitsatmosphäre. Ein Job, für den ich keine Leidenschaft habe, kann Spaß machen, wenn das Umfeld passt. Leidenschaft dagegen bezieht sich auf den persönlichen Bezug zu den Inhalten der Arbeit und drückt sich z.B. durch Neugier und Ehrgeiz aus.
  2. Wie geht mehr Spaß im gewerblichen Bereich, wo nicht digital gearbeitet wird?
    Mehr Spaß geht im gewerblichen Bereich sogar noch einfacher als im kaufmännischen Bereich. Eine gute Arbeitsatmosphäre entsteht, wo ein freundlicher Umgang herrscht, es Zeit und Raum für Miteinander gibt, der Chef mal einen Kaffee spendiert oder man sich die Kolleg:innen für die Schicht aussuchen darf
  3. Was ist die neue Maxime der Generation Z, wenn “Work-Life-Balance” nicht mehr gilt?
    Die neue Maxime der Generation Z  ist Spaß, Sinn und Sicherheit. Durch die Corona-Pandemie ist Sicherheit wichtiger geworden, doch für die Generation Z ist Spaß bzw. Arbeitsatmosphäre nach wie vor an erster Stelle.
  4. Freiwillige Aufgaben werden immer diskutiert. Wie kann ich sie dafür besser motivieren?
    Machen Sie sich bewusst, warum freiwillige Aufgaben freiwillig sind? Wenn die Aufgaben am Ende des Tages gemacht werden müssen, sind sie vermutlich nicht freiwillig, sondern die Verantwortung ist nicht richtig geklärt. Um die Generation Z für freiwillige Aufgaben zu begeistern müssen sie Spaß und Sinn ergeben, z.B. weil man dadurch etwas lernt oder anderen etwas Gutes tut.

Fragen von Ausbilder:innen zum Thema Azubi-Recruiting und Mitarbeiterbindung

    1. Wie spreche ich Jugendliche in Stellenausschreibungen am besten an?
      Die Beste Ansprache von Jugendlichen ist nicht per Stellenausschreibung sondern durch die Empfehlungen von Menschen, die als Mitarbeitende oder Kund:innen bereits eine Beziehung zum Arbeitgeber haben. Diese persönlichen Empfehlungen genießen hohes Vertrauen und sind wichtiger als jede Stellenausschreibung.
    2. Was sollte man beim Recruitment von Auszubildenden der Generation Z beachten?
      Die drei wichtigsten Regeln sind:
      1. Die Stelle wirkt nicht wie eine Sackgasse, sondern wie ein Kreisverkehr mit vielen Möglichkeiten. 
      2. Die Stellenausschreibung muss auf Smartphones gut lesbar sein.
      3. Bei einer Bewerbung sehr schnell reagieren, weil die Generation Z Instantfeedback gewohnt ist.
    3. Wie können wir Azubis in Zeiten des Lockdowns motivieren nicht in andere Branchen abzuwandern?
      Indem sie den Azubis klare Perspektiven anbieten und ihnen die Möglichkeit bieten, sich trotz Einschränkungen weiterzuentwickeln. Die große Frage aus Sicht der Azubis ist, wofür es sich zu warten lohnt. Ist der Job nach der Krise sicher? Wie entwickelt sich mein Marktwert im Lockdown? Wie loyal verhält sich mein Arbeitgeber mir gegenüber? 
    4. Wie schaffe ich es, dass Jugendliche ihrem Arbeitgeber gegenüber loyal sind?
      Loyalität ist Ausdruck für eine hoch entwickelte Beziehung von Vertrauen und Respekt. Wer Vertrauen und Pflichtbewusstsein von jungen Mitarbeitenden einfordern will, muss sich ihren Respekt verdienen durch Kompetenz, Vorbild sein und Kommunikation auf Augenhöhe. 
    5. Wie kann ich Schüler*innen bei der Berufswahl begleiten?
      Ein wenig genutztes Angebot sind Mini-Praktika, bei denen Azubis für Schüler*innen eine Art Schnuppernachmittag veranstalten und ihnen “ihr” Unternehmen vorstellen. Neben authentischen Einblicken können sie den Schüler:innen Tipps als Berufscoach geben, da sie viele Freunde haben, die sich ganz unterschiedlich entschieden haben.

Allgemeine Fragen von Ausbilder:innen über die Generation Z

  1. Viele Azubis wissen nicht, was sie wollen, und die Eltern kümmern sich um alles. Wie können wir helfen?
    Die Generation Z wächst  mit Helikopter-Eltern auf und viele lernen nicht, eigenverantwortlich entscheiden zu müssen. Führen Sie Azubis von leicht bis schwer zunehmend an anspruchsvollere Entscheidungen heran und feiern sie Erfolge in Richtung Selbständigkeit. Wenn es um die Berufswahl geht, gilt es Situationen zu schaffen, in denen Eltern und potenzieller Azubi getrennt sind.
  2. Warum soll die Generation Z Verzicht lernen, wenn es die Eltern nicht tun?
    Die Generation Z hat verstanden, dass die Welt aus dem ökologischen Gleichgewicht geraten ist und dass jede:r einen Beitrag leisten muss. Die Schwierigkeit ist, dass viele Aspekte eines Lebens in Wohlstand (wie viele es gewohnt sind) nicht mit Verzicht vereinbar sind.
  3. Viele Azubis zeigen weniger Respekt und können nicht unterscheiden, wem sie welchen Respekt entgegenbringen müssen.
    Die Generation Z definiert Respekt anders. Anstatt für Alter, Wissen oder Hierarchie respektieren sie jemanden dafür, dass er kompetent ist, auf Augenhöhe kommuniziert und mit gutem Beispiel vorangeht. Respekt ist der Generation Z sehr wichtig. Fragen Sie einmal, wen ein Azubi respektiert und warum.
  4. Welche Unterschiede gibt es zwischen Jugendlichen im ländlichen Raum und in Städten?
    Der Stellenwert von Heimat und Familie ist traditionell bei Jugendlichen auf dem Land besonders ausgeprägt. Zudem zählen Jugendliche auf dem Land bei der Jobsuche mehr auf persönliche Empfehlungen oder Stellenanzeigen in der Tageszeitungen. Unterschiede bzgl. Smartphone- oder App-Nutzung gibt es mittlerweile kaum mehr.
  5. Jugendliche tun sich schwer eine Entscheidung zu treffen
    Es ist heute schwerer Entscheidungen zu treffen, weil sie dank Internet und Smartphone viel mehr Möglichkeiten haben, zwischen denen sie sich entscheiden müssen und weniger beurteilen können, wie sie diese Möglichkeiten bewerten sollen. Was jungen Menschen hilft, sind so einfache Konzepte wie eine Balance Score Card, bei der sie sich bewusst machen, wovon eine Entscheidung abhängt und wie verschiedene Alternativen im Vergleich abschneiden.
  6. Welche nachhaltigen Veränderungen erwarten Sie als Jugendforscher für die Generation Z aufgrund der Corona-Krise? 
    Die Generation Z wird sich weniger auf einen Plan verlassen und immer auch einen Plan B, C und D mitdenken müssen. Der Wert von Vertrauen und Gesundheit wird noch lange an erster Stelle stehen. Es wird viele Vertreter*innen der Generation  Z geben, die noch lange mit dem schwierigen Jobeinstieg kämpfen müssen. Und es steht uns eine neue Gründergeneration bevor, die sich als Macher und Zukunftsgestalter versteht.

FAZIT der Ausbildungsstudie 2021 Bayern: Hören Sie den Azubis zu

Ich war überrascht, dass die Top-Themen der Ausbilder:innen für das Ausbilderforum Motivation, Arbeitseinstellung und Kommunikationsverhalten der Generation Z waren. Als Trend- und Jugendforscher ist es meine Aufgabe, die Auswirkungen der Veränderungen früher zu erkennen und darauf hinzuweisen, wie sehr die Corona-Pandemie und Krise die Lebens- und Arbeitswelten von Auszubildenden verändert. Gute Ausbildung beschäftigt sich mit diesen Veränderungen, lässt Veränderung zu und beteiligt Auszubildende daran, die Perspektiven von Ausbildung gemeinsam zu gestalten. Fragen Sie Ihre Auszubildenden, wie es ihnen geht und schaffen Sie einen Raum, um gemeinsam Zukunft zu gestalten.