Festrede zum 5. Geburtstag von „Junge Deutsche“

Was haben wir aus fünf Jahren Jugendforschungs- und Beteiligungsprojekt gelernt? Heute geht’s um die Generation Y, Beteiligung ist kein Grundbedürfnis und was für unsere Gesellschaft am wichtigsten ist.

Meine sehr verehrten jungen Menschen in Deutschland,

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

im September 2010 setzte ich mich auf’s Fahrrad und fuhr los – durch eine verunsicherte Republik: Müssen wir Schuldgefühle haben, weil wir während der Fußball-WM massenhaft „Deutschland, Deutschland“ schrien und die deutschen Fahnen schwenkten? Brauchen wir Parteien wie die CDU und SPD noch, wenn die Piraten die Demokratie neu erfinden? Gibt es einen Normalzustand der nicht Krise heißt?

Eine Reise zum Kern der deutschen Gesellschaft

Die Reise, die mir damals bevorstand, war keine gemütliche Reise. Ich habe über zwei Monate und 3.000 km täglich die Geschichten von zig Menschen erfahren, gesammelt und in allen Regionen und Kiezen Deutschlands wunderbare Winkel entdeckt. Jeden Tag musste ich meine Weltanschauung auf den Prüfstand stellen und politische Sichtweisen überdenken und feststellen: Wer andere Lebensrealitäten kennenlernt, kann auf einmal die absurdesten Ansichten nachvollziehen. Diese Bereicherung wollte ich nicht für mich behalten und  führte 2012 die Reise zum zweiten Mal durch. Zusammen mit der Servicestelle Jugendbeteiligung radelte ich in Begleitung und gab in vielen Städten Workshops für mehr Beteiligung und eine bessere Interessensvetretung der Menschen in Deutschland. Diese Reise in Bildern können Sie am Ende der Seite sehen 🙂

Was haben wir aus dem Projekt gelernt?

  1. Beteiligung ist kein Grundbedürfnis
    So lange es den Menschen gut geht, sehen sie keine Notwendigkeit sich für „Politik“ zu engagieren. Es ist auch einfach es sich gemütlich zu machen und Parolen zu zelebrieren wie „Ich feiere das Leben lieber, solange es uns gut geht“, „die Politiker machen doch eh was sie wollen“, oder „ich unterstütze doch nicht ein so kaputtes System“. Es gibt sie die jungen Menschen, die sich schon heute für eine Gesellschaft von morgen engagieren. Leider ist ihre Stimme in sämtlichen Organisationen sehr leise und wird mit zunehmender Lautstärke weniger revolutionär.
  2. Netzdemokratie ist kein Allheilmittel
    Wäre es nicht toll, wenn sich jeder an allen Entscheidungen beteiligen könnte und eine Entscheidung nur umgesetzt wird, wenn alle das wollen? Wäre es nicht toll, wenn dadurch ein neuer, den Bürger/innen gegenüber viel verantwortlicherer Typ des Politikers entsteht. Leider entpuppte sich die Hoffnung, die viele an das politische Phänomen „die Piraten“ knüpften, als wenig nachhaltig. Obwohl junge Menschen Führung und Hierarchien gefühlt eher ablehnen, zeigt sich auch, dass bestimmte Situationen ohne Führungspersönlichkeit und Entscheidungskraft nicht durchsetzen lassen.
  3. Respekt den Verbänden! Und eine kleine Schelte
    Viele Vereine und Verbände klagen über Mitgliederschwund – die Alten sterben und von den Jungen kommen zu wenige nach. Es ist eine große Leistung für eine Überzeugung oder eine Idee – sei es für den Erhalt von Traditionen oder den Einsatz für Ideale – eine tragfähige Mitglieder und Organisationsstruktur aufzubauen. Um für junge Menschen interessant zu sein, muss man deren Bedürfnisse verstehen und das eigene Angebot dafür relevant machen. Viele Vereine und Verbände versäumen es, die Frage der Relevanz in der heutigen Zeit zu stellen und die Antworten konsequent umzusetzen.
  4. Die Zukunft wird schneller und ungewisser: Ein Hoch auf die Kreativität  
    Wer als junger Mensch heute „Alles richtig macht“ hat einen geraden Lebenslauf, ist voller Erwartungen und wird mit großer Wahrscheinlichkeit enttäuscht. Die Welt ist schnell, alles ist kopierbar und die einzige Sicherheit ist, dass sich alles Verändert. Ein starres Karriereziel kann heute nur zu Frustration führen – fast alle Branchen sind von diesen Veränderungen betroffen. Was junge Menschen heute benötigen ist Kreativität, Übung im Umgang mit Veränderungen und etwas Entscheidungshilfe. Auch wenn der Weg das Ziel ist, fängt jeder Weg mit einem ersten Schritt an.
  5. Das wichtigste ist der soziale Friede – doch der ist kein Selbstläufer
    Erst wenn man auf Reisen geht, lernt man zu schätzen, wie gut es Deutschland und den Deutschen geht. Mit das wertvollste Gut in Deutschland ist der soziale Friede, das grundsätzliche Vertrauen an das Gute in der Gesellschaft. Auch zu Nachtzeiten können wir uns fast überall ohne Angst frei bewegen und uns zuhause sicher fühlen. Daran nagt seit Jahren die auseinanderklaffende Schere der Vermögensverhältnisse, immer mehr Ich und weniger Wir, Zuwanderung ohne Integration und fehlende Vorbilder. In diesen Tagen wird besonders sichtbar, was für ein Sehnsuchtsort Deutschland im internationalen Vergleich ist: Arbeit, Friede, Natur, Wohlstand. Der soziale Friede ist die Grundlage dafür.

Wie geht es weiter mit Junge Deutsche?

Die für „Junge Deutsche“ entwickelte Forschungsmethodik der partizipativen Aktionsforschung erfreut sich mittlerweile recht großer Beliebtheit. Das liegt daran, dass diese Methodik mehr kann, als nur Wissen zu produzieren: wir schaffen Bewusstsein für ein Thema, verstehen die Erkenntnisse aufgrund der Geschichten dahinter, machen aus Befragten Beteiligte und entwickeln Visionen mit Lösungswegen. Gleichzeitig verliert die klassische Jugendstudie an Relevanz, weil mit Big Data und Real Time Evaluation aussagekräftigere und für die Wirtschaft interessantere Möglichkeiten heranreifen.

Alle sprechen von der Generation Y. Kaum einer weiß, wer damit eigentlich gemeint ist. Mit „Junge Deutsche“ ist das vollkommen klar, doch in der Wirtschaft hat sich der Begriff der „Generation Y“ durchgesetzt, als das Schlagwort mit dem die Herausforderungen durch junge Menschen und der gesellschaftliche Veränderungen für sie greifbar und lösbar werden. Da der Wettbewerb von Unternehmen und Gemeinden um die weniger werdenden jungen Menschen stärker wird, ist die Frage heute: Wie können wir interessant bleiben für die Jungen, damit sie für uns arbeiten oder sich bei uns ansiedeln. Meine Vorträge und Trainings zu diesem Thema heißen daher nicht mehr „Wie ticken die jungen Deutschen“ sondern „How to be Generation Y“. Und wenn du dich fragst, wie sehr du „Generation Y“ bist, dann mach kurz bei unserem Quiz mit und finde es heraus 🙂 (Link zum Generation Y-Quiz)

Die ursprüngliche Vision von „Junge Deutsche“ hieß „The What Will We Be Project“ und sollte eine webbasierte interaktive Befragungs- und Storytelling-Plattform werden. Die japanische Regierung hatte mich damals für das Potenzial der Plattform zur Förderung der Völkerverständigung ausgezeichnet – doch die Anfangsinvestition war mir zu hoch, um es umzusetzen. Für die Zukunft wünsche ich mir ein Beteiligungsprojekt mit einem großen Partner, mit dem dieses wunderbare Tool das Licht der Welt erblicken und sein Potenzial entfalten kann.